PROJEKT I MENSCHEN I VERLAGE I PRESSE I KONTAKT I IMPRESSUM :::: english
Kurzinfo I Fotos I Text
 
 

Bruckhausen, ThyssenKrupp & Grüngürtel

Duisburg-Bruckhausen. Zweifelhaft berühmt durch ein Buch des Autors Günter Wallraff, der für seine Geschichte „Ganz unten“ in Bruckhausen lebte oder auch durch den Tatort-Kommissar Horst Schimanski, der den Stadtteil immer wieder als einen „dreckigen und unheimlichen Teil“ des Ruhrgebiets ins deutsche Vorabendprogramm brachte. Die Dokumentation „Rauliens Revier“ der Regisseurin Alice Agneskirchner zeigt in den 90er Jahren einen Bruckhausener Polizisten bei seiner alltäglichen Arbeit und somit das ganz alltägliche Leben in einem der benachteiligsten Stadtteile Duisburgs.

Im Westen grenzt das größte integrierte Hüttenwerk Europas, die „Thyssen- Krupp Steel AG“, vis-à-vis an den Stadtteil Bruckhausen – nur eine Hauptstraße liegt zwischen Schwerindustrie und Wohngebiet. Die A42 trennt seit 1980 die südlichen Ortsbereiche von den Grün- und Kleingartenzonen. Der Stadtteil liegt acht Kilometer von der Innenstadt Duisburgs entfernt und nimmt somit eine Randlage ein. Bruckhausen ist isoliert, der Ruf geschädigt. Fernsehsender, Zeitungen – alle waren sie da. Bruckhausen kennt man. Man kennt den Stadtteil als „asozial“, als „sozialen Brennpunkt“, wo „mehr Ausländer als Deutsche“ leben.

Als 1856 im Bereich Bruckhausen von Daniel Morian das erste Mal Kohle gefunden wurde, entschied sich August Thyssen dazu, alle Kuxe (Ein Kux = Anteil an einem Bergwerk) aufzukaufen und wurde zum Alleineigentümer der Gewerkschaft „Deutscher Kaiser“ und dem dazugehörigen Land. Es sollte aber nicht bei der Kohleförderung bleiben. Thyssen schuf sich mit der Eisen- und Hüttenindustrie einen Nebenerwerbszweig. Dazu benötigte er größere Flächen und erwarb Land in Bruckhausen. Dies lag in günstiger Nähe zum Rhein und hinzukommend wortwörtlich „auf Kohle“.

1889 baute August Thyssen dann die „Bruckhausener Hütte“. 1900 hatte diese bereits eine Fläche von 275 ha.
In diesem Zusammenhang bildete sich aus Bruckhausen in bestimmten Zügen schon das, was es bis heute geblieben ist: Die Basis für ein sich aufbauendes, symbiotisches Verhältnis zwischen ThyssenKrupp und dem Ortsteil.

Der zügige Wachstum Thyssens erforderte einen erhöhten Bedarf an Arbeitern, der zunächst durch die Einwohner der Umgebung gedeckt wurde, was aber bald nicht mehr ausreichen sollte. Im Zuge dessen kam es zu Anwerbungen von Arbeitern aus dem Ausland, mit dem Schwerpunkt in Osteuropa. Bis zum ersten Weltkrieg stiegen somit in Bruckhausen die Einwohnerzahlen in erheblichem Maße, fast proportional zu der Arbeiterschaft der August Thyssen-Hütte. Den Zuwachs gab es in diesem Ausmaß in Bruckhausen nie wieder. 1911 war die Spitze von 25.000 Bewohnern erreicht. Zukünftig sollte die Belegschaft der Hütte wachsen und gleichzeitig die Zahl der Einwohner in Bruckhausen fallen. Viele der Arbeiter waren Polen, was u.a. damit zusammenhing, dass August Thyssen Katholik war und somit verstärkt Leute mit derselben Konfession, beispielsweise aus der Provinz Posen, angeworben hat.

Nach dem zweiten Krieg sorgten Aufbauarbeiten dafür, dass erneut ein großer Bedarf an Arbeitern entstand. Es kam somit zur zweiten großen Wanderungsbewegung aus dem Ausland. Auch, weil viele Deutsche nach dem Krieg schlicht arbeitsunfähig oder noch immer in Gefangenschaft waren. Diesmal kamen die Arbeiter aus Italien, Spanien, Griechenland, Türkei, Portugal und Jugoslawien. Man sprach auch von „Gastarbeitern“, weil man von einem vorübergehenden Aufenthalt ausging. Eine Vorrangstellung türkischer Mitarbeiter innerhalb der Belegschaft der August Thyssen-Hütte erfolgte dann Mitte der 60er Jahre. Viele der Arbeiter wohnten bis zu dieser Zeit in der Nähe ihrer Arbeit, demnach in Bruckhausen. Die Mieten in Bruckhausen waren gering und die Wohnungen auf die Arbeiter von Thyssen ausgerichtet.

Ab den 60er Jahren erlebte der Stadtteil Bruckhausen einen Abschwung, der sich bis in die 80er Jahre hinein erstrecken sollte, bevor man anfing, etwas dagegen zu unternehmen. Es ist auch zu einer Veränderung der Bevölkerung gekommen. Die Menschen wurden mobil, besaßen ein Auto, bekamen mehr Geld und folgten oft einfach dem Wunsch, nicht mehr gegenüber der Industrie im verdreckten Bruckhausen zu wohnen, sondern im Grünen oder schlichtweg komfortabler. Schließlich folgte nach und nach der Zuzug einkommensschwacher Bürger – zumeist Ausländer. Die Anzahl der Deutschen wurde hingegen immer geringer: 1987 sank die Zahl auf 4.000. Ende der 70er Jahre machen die türkischen Bewohner in Bruckhausen 90 Prozent aller Migranten aus. Die Zuweisungen von sozial benachteiligten Menschen durch Sozialämter begünstigten den Zulauf von Migranten ebenfalls. Eine Studie erwies zusätzlich das Ergebnis von einem erhöhten Anteil Arbeitsloser, Sozialhilfeempfängern, allein erziehender Mütter und Menschen mit niedrigem Einkommen. Hinzu kam der frühzeitliche Verfall ganzer Häuser und Wohnungen. Grund war u.a. ein anhaltendes Desinvestitionsverhalten, vor allem der größeren Baugesellschaften. Aufgrund der Erweiterungsvorhaben Thyssens, wurde auch nicht mehr in die Betriebswohnungen des Unternehmens investiert, weil man damit rechnete, Bruckhausen irgendwann aufgrund der benötigten und fehlenden Flächen abreissen zu müssen.

2000 hat man in Bruckhausen 3.265 deutsche und 3.472 ausländische Einwohner gezählt, von denen 2.949 Einwohner türkischer Abstammung sind. Der Ausländeranteil liegt folglich mit fast 54 Prozent an der Spitze der Duisburger Stadtteile und macht Bruckhausen somit zu einem der ersten Stadtteile Deutschlands, in dem die deutschen Einwohner zur Minderheit wurden.

Heute gilt „Bruckhausen, im Duisburger Norden gelegen, als der Inbegriff eines „benachteiligten Stadtteils“: Die Schwerindustrie liegt nicht nur direkt gegenüber, sondern schließt den Ortsteil – zusammen mit den angrenzenden Gewerbegebieten und der Autobahn A42 – nahezu vollständig ein, so, dass sich kaum fließende Übergänge zu anderen Stadtteilen ergeben.“* Im Zuge der Problematiken, die in Bruckhausen aufgrund baulicher Missstände und der vorher beschriebenen Bevölkerungsstruktur bestehen, hat die Stadt Duisburg 1988 beschlossen, im Stadtteil ein Stadterneuerungsprogramm durchzuführen.

Die Maßnahmen sollen dennoch nicht für alle Gebiete Bruckhausens gelten. Einige Bereiche gelten als nicht tragbar und sollen im Zuge der Maßnahmen abgerissen werden. Ziel ist es hier, aufbauend auf den bisherigen Stadterneuerungsmaßnahmen, die städtebaulichen Strukturen in den Stadtteilen zu verbessern, städtebauliche Missstände zu beseitigen und fortschreitende Devastierung zu stoppen. Stadtplanerische Vorstellung ist es, nach Rückbau von Wohnbebauung einen hochwertig gestalteten Grüngürtel als Puffer zur Industrieanlage zu schaffen.

*(aus: http://www.gruenguertel-nord.de)